31.08.2017

Wahlkampf im Wartezimmer – Welchen Parteien helfen die Plakate der Fachärzte

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. August 2017, Andreas Mihm

Wahlkampf im Wartezimmer – Welchen Parteien helfen die Plakate der Fachärzte

Die Gesundheitspolitik spielt im Bundestagswahl-kampf keine Rolle. Selbst der links-grüne Politpop von der Bürgerversicherung erhascht die Aufmerksamkeit des Wahlvolks nicht mehr. Womöglich gelingt das nun aber den Ärzten. Die planen für die verbleibenden drei Wochen bis zur Bundestagswahl einen Wahlkampf im Wartezimmer. Ihre Plakate wollen sie an diesem Donnerstag vorstellen.

Drei Motive können die Ärzte bestellen: Das eine richtet sich gegen die Bürger-versicherung, das zweite klingt nach dem alten ADAC-Motto „Freie Fahrt für freie Bürger“. Es lautet: „Freie Entscheidung für freie Bürger! Damit Sie auch in Zukunft den Arzt Ihres Vertrauens wählen dürfen.“ Plakat Nummer drei bringt dann die Sache auf den pekuniären Punkt: „100 Prozent Honorar für 100 Prozent Leistung! Damit Sie und Ihr Arzt am Ende des Quartals nicht leer ausgehen.“ Allerdings erzielen Deutschlands Praxisinhaber (im Schnitt und über alle Fachrichtungen) nach der letzten Stichprobe des Statistischen Bundes-amtes einen Reinerlös von 190 000 Euro im Jahr. Selbst nach den eigenen Berechnungen der Ärzte sind es noch 179 000 Euro.

„Wir wollen vor den Koalitionsverhandlungen Aufmerksamkeit erregen“, sagt Dirk Heinrich. Der Hamburger HNO-Arzt, Vorsitzender des Spitzenverbands der Fachärzte und Präsident des Berufsverbands der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, sieht eine „unheilige Allianz“ zwischen Bürgerversicherung, alleiniger Patientensteuerung durch die Hausärzte und Deckelung der Einkommen. „Dann ist es mit der Wahlfreiheit der Patienten in der nächsten Wahlperiode vorbei.“ Union und FDP dürften sich über die Unterstützung freuen, denn sie können mit den Vorhaltungen nicht gemeint sein.

Von den 105 000 Arztpraxen in Deutschland würden 70 000 angeschrieben, sagt Heinrich. Denn Post bekommen nur die Fachärzte. Das beleuchtet die zweite Ebene des Plakatwahlkampfs. Deutschlands Fachärzte sehen sich im Verteilungskampf mit den Hausärzten ausgebootet. Deshalb tragen ihre Poster eine weitere, unterschwellige Botschaft: „Mein Facharzt, meine Wahl.“ Und:

„Mein Auge will nicht jeden Arzt.“ Heinrichs Sorge ist der Trend zum

„Gatekeeper-Modell“, in dem der Allgemeinmediziner der erste Anlaufpunkt für den Patienten ist. Der entscheidet dann, welche Behandlung als Nächstes kommt. „Wenn man alle Patienten mit Ohrenschmerzen und Brennen beim Wasserlassen zum Hausarzt schickt, dann bricht das System zusammen“, sagt Heinrich. Er wolle den Hausärzten ja nichts wegnehmen. Aber die Arbeit der „grundversorgenden Fachärzte“ wolle er schon gewürdigt und gesichert wissen. Zur Grundversorgung zählt er den Hörtest beim HNO-, den Sehtest beim Augenarzt, Basisuntersuchungen bei Urologen, Orthopäden und Gynäkologen. Anders gesagt: fast alles, solange nicht operiert wird.

Viele Grundversorger unter den Fachärzten, die nicht operierten, darbten finanziell. Die Einkommen solcher Fachärzte sind oft niedriger als die der Allgemeinmediziner; laut Statistischem Bundesamt kamen sie aber vor zwei Jahren immerhin auf einen Reinertrag von durchschnittlich 163 000 Euro. Des-halb müssten die Budgetierung in der Grundversorgung abgeschafft und jeder Arztbesuch bezahlt werden. Tatsächlich bezahlten die Kassen ein Fünftel der ärztlichen Leistungen heute gar nicht. Das ist der Moment, in dem Heinrich die SPD ausnahmsweise mal sympathisch ist. Plakatiert die doch: „Wer als Frau 100 Prozent leistet, darf nicht 21 Prozent weniger verdienen.“ Die Botschaft wurde zwar in diversen „Fakten-checks“ als Falschinterpretation entlarvt, was Heinrich aber nicht anficht, denn genau so gehe es den Ärzten. Schade nur für die Ärzte, dass die SPD das mit Sicherheit ganz anders sieht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.08.2017; Wirtschaft – Seite 19