05.10.2017

Sektorengrenzen sind nicht mehr zeitgemäß

Auf dem 10. Internistentag forderte die BDI-Spitze einen Strukturwandel in der Patientenversorgung. Nicht nur die starre Grenze ambulant/stationär sei nicht mehr abbildbar. Auch die Budgets haben laut dem Präsidium ausgedient.

Von Rebekka Höhl

Wie auch immer die Koalition letztlich aussehen wird, die neue Bundesregierung wird sich damit beschäftigen müssen, ob die „Vorgaben im Gesundheitswesen noch zeitgemäß“ sind, stellte BDI-Präsident Dr. Hans-Friedrich Spies beim zehnten Jubiläum des Internistentages in Berlin klar. Ganz bewusst hatte der Verband die Sektorengrenzen zum zentralen Thema seiner Tagung gemacht. Denn sie sind Sinnbild für viele Dinge, die im Gesundheitswesen ordnungspolitisch aus dem Ruder laufen.

„Wir können die Grenze ambulant/stationär nicht mehr eindeutig ziehen“, sagte Spies. Aufgrund der modernen Medizin aber auch der zunehmenden Morbidität und der Patientenbedürfnisse ließen sich die Leistungen nicht mehr so einfach einzelnen Sektoren zuordnen. Das betrifft laut Professor Hans-Martin Hoffmeister, 1. BDI-Vizepräsident, auch die Trennung zwischen haus- und fachärztlicher Versorgung. Der BDI lehnt deshalb das vom Hausärzteverband in die Diskussion eingebrachte Gatekeeper-Konzept ab. Spies: „Damit würde man die freie Arztwahl aufheben.“

Freie Arztwahl muss bleiben

Der BDI unterstützt daher die vom Spitzenverband Deutscher Fachärzte (SPiFa) vorgestellte Neuordnung der Grundversorgung, die Fachärzte wie Kinderärzte oder Facharzt-Internisten ohne Schwerpunkt als Primärärzte miteinbezieht (wir berichteten). Allerdings geht es dabei nicht darum, gegen die Hausärzte zu arbeiten. „Wir brauchen die Allgemeinärzte“, sagte der BDI-Präsident sehr deutlich, gerade für die Versorgung der zunehmend multimorbiden Patienten. Aber die Patienten müssten auch die Möglichkeit haben, einen grundversorgenden Facharzt direkt aufzusuchen. „Es ist unser Anliegen, da niemandem etwas wegzunehmen“, so der 2. BDI-Vizepräsident, Dr. Ivo Grebe. Gelebte Realität sei jedoch, dass bereits heute die hausärztlich tätigen Internisten fast 30 Prozent der hausärztlichen Versorgung abdeckten. Die absehbaren Lücken in der wohnortnahen Versorgung ließen sich nur gemeinsam mit den Fachärzten vermeiden. Mit dem Grundversorger-Modell versuche man lediglich, den Ist-Zustand zukunftsfähig zu machen.

Gelingen könne das aber nur, wenn neben den Sektorengrenzen auch endlich die Budgets fielen. „Die Maxime muss lauten: Gleiches Geld für gleiche Leistung bei gleicher Qualität“, forderte Spies. Das beinhaltet aus BDI-Sicht zwei Punkte:

  • Der Erlaubnisvorbehalt im ambulanten Bereich müsse dem Verbotsvorbehalt aus der Klinikwelt weichen. Denn nach dem Erlaubnisvorbehalt dürfen Leistungen und neue Methoden nur dann erbracht werden, wenn sie vom GBA positiv bewertet und in den GKV-Leistungskatalog aufgenommen wurden. Der Verbotsvorbehalt erlaubt Klinikärzten hingegen, neue Methoden solange zulasten der GKV zu erbringen, wie sie nicht explizit vom GBA ausgeschlossen wurden. Das birgt gerade an den Schnittstellen ambulant/stationär Konfliktpotenzial. Spies: „Hier benötigen wir eine rechtliche Klarstellung.“
  • Die Budgets, deren Idee zusammen mit den Sektorgrenzen vor 25 Jahren beim sogenannten Lahnstein-Kompromiss zwischen Horst Seehofer (CSU) und Rudolf Dreßler (SPD) geboren wurde, müssten aufgehoben werden. „Wir müssen alternative Lösungen für die Budgetierung finden“, so Spies. Laut Grebe sollten zumindest alle Leistungen der Grundversorgung aus den Budgets herausgenommen werden. Er kann sich etwa ein Modell mit Einzelleistungen, ähnlich wie bei der hausarztzentrierten Versorgung (HzV) vorstellen. Allerdings soll die Versorgung weiter über die KV laufen.

Bürokratie zurückschrauben

Unbedingt zurückgeführt werden müsse die überbordende Bürokratie. „Die Beitragsstabilität, die übrigens nicht eingehalten wurde, hat die Politik dazu veranlasst, fast jährlich Reformen anzuschieben“, erläuterte Spies. Sehr viele Qualitätsmängel würden durch die ordnungspolitisch angeschobene Bürokratie provoziert und wären in einem eigentlich gut dotierten Gesundheitswesen nicht notwendig. Der Bürokratiewahn ist nach Ansicht des BDI auch daran Schuld, dass die ambulant-spezial-fachärztliche Versorgung (ASV) bislang nicht gelebt wird. Sowohl die ASV als auch selektivvertragliche Regelungen, die beide den Patienten in den Mittelpunkt stellen, müssten wiederbelebt werden.

Quelle: BDI aktuell, Ausgabe 10/2017