17.11.2017

Hartmannbund: Politik will Ärzte in der Grundversorgung ersetzen

Deutsches Ärzteblatt Online, 17.11.2017

Berlin – Der Vorsitzende des Hartmannbundes, Klaus Reinhardt, hat davor gewarnt, dass Ärzte innerhalb des Gesundheitswesens zugunsten günstigerer nicht-ärztlicher Gesundheitsberufe ersetzt werden. „Die Politik versucht, halb heimlich, arztersetzend, die ambitionierten Pflegevertreter in der Grundversorgung zu etablieren“, sagte Reinhardt auf der Haupt­ver­samm­lung des Verbands heute in Berlin. Die Politik erhoffe sich dabei, die Basisversorgung deutlich preisgünstiger zu gewährleisten. Zudem werde das Gesundheitssystem dadurch von seiner Arztzentriertheit „befreit“.

Vor diesem Hintergrund werde die Ärzteschaft Lösungsvorschläge präsentieren müssen, bei denen die nicht-ärztlichen Berufe im Gesundheitswesen Aufgaben von anderer Qualität und in größerem Umfang als bisher wahrnehmen. „Selbst bei der angemessenen Forderung nach mehr Studienplätzen in der Medizin wird diese Entwicklung unvermeidbar sein“, sagte Reinhardt. Dabei sei das in dieser Debatte zum Mantra erhobene „Delegation ja, Substitution nein“ im Hinblick auf die Abwehr der von der Ärzteschaft befürchteten Umverteilung ärztlichen Honorars zugunsten der Substituierenden völlig unwirksam.

„Denn wenn auf dem Wege der Delegation nachgewiesen ist, dass Tätigkeiten, die bisher dem Arztvorbehalt unterlagen, auch von Nicht-Ärzten verlässlich und qualitativ nicht zu beanstanden erbracht werden können, dann werden die Kostenträger auf die Idee kommen, dass wir nun weniger Honorar für die Tätigkeit erhalten sollen, die wir inzwischen erfolgreich delegiert haben“, so Reinhardt. Der Schritt zur Forderung nach Substitution sei dann nur noch ein kleiner

„Wir müssen darauf Wert legen, dass die qualifizierte ärztliche Tätigkeit ausreichend und im Verhältnis zu vergleichbar wertvollen Tätigkeiten angemessen honoriert wird“, betonte der Hartmannbund-Vorsitzende. „Davon sind wir allerdings sehr weit entfernt.“

Debatte um Substitution ist „Phantomdiskussion“

Stefan Schröter, Vorstandsmitglied des Verbandes, erklärte, dass es heute mehr als 100 akademische Absolventen von nicht-ärztlichen Gesundheitsberufen in Deutschland gebe, allerdings niemand wisse, was sie eigentlich arbeiten sollten. „Gleichzeitig ist es so, dass gut qualifizierte, fleißige Krankenschwestern nur schwer akquiriert werden können“, betonte Schröter. Er erwähnte die vor kurzem vorgenommenen Streiks von Pflegekräften an großen Krankenhäusern, bei denen die Streikenden nicht mehr Geld, sondern mehr Kollegen gefordert hätten. Denn 70.000 ausgewiesene Pflegestellen seien heute unbesetzt.

Vor diesem Hintergrund sei die Debatte um die Substitution oder Delegation eine Phantomdiskussion, meinte Reinhardt. Denn „es gibt niemanden, der Ärzte und deren tägliche Arbeit substituieren könnte“.  

Der Ärzteschaft müsse klar sein, betonte Schröter, dass die beginnende Akademisierung von nicht-ärztlichen Gesundheitsberufen ein irreversibler Paradigmenwechsel sei. Und akademisierte nicht-ärztliche Gesundheitsberufe würden nicht auf alle Zeit bereit sein, unter der wirtschaftlichen und administrativen Abhängigkeit von Ärzten zu arbeiten.

Demografische Entwicklung wird Patientenversorgung erheblich verändern

Die Haupt­ver­samm­lung des Hartmannbundes stand unter dem Motto „Wer versorgt uns morgen?“ Vor diesem Hintergrund sprach Reinhardt von drei Megatrends, die die Versorgung der Zukunft verändern würden: zum einen die demografische Entwicklung. Und er fragte: „Lässt sich erkennen, dass die Vielzahl der bisherigen Konzepte Wirkung zeigen, um der Tatsache entgegen zu wirken, dass in fünf Jahren in großen Teilen der ländlichen Regionen unseren Landes zum Teil 50 Prozent und mehr der hausärztlich tätigen Kollegen circa 70 Jahre alt sind und dann ihre ärztliche Tätigkeit erwartbar einstellen?“ Und ihnen folge in der Regel niemand nach. „Das wird Erhebliches verändern in der Versorgung der deutschen Patienten“, sagte Reinhardt. „Hat ihnen das schon mal jemand erzählt?

Digitalisierung: „Ärzte werden nicht überflüssig werden“

Ein weiterer Megatrend sei die Digitalisierung. „Die Ärzteschaft sollte sich der Digitalisierung nicht verschließen“, forderte Reinhardt. Denn „wenn Patienten mit Rückenschmerzen eher versuchen, sich mit einer App zu helfen, als einen Arzt aufzusuchen, dann hilft es wenig, die Arme zu verschränken und diese Dinge als neumodischen Schnickschnack abzutun.“ Wer dem Nutzer nicht wirksam beweisen könne, dass er mehr drauf habe als die App, werde gnadenlos ausgemustert.

„Big Data“ werde vor allem spannend werden, wenn die erhobenen Biodaten aus den Selftracking-Instrumenten mit den riesigen Datenbanken verknüpft werden könnten und eine bestimmte Befundkonstellation in kurzer Zeit am gesamten gespeicherten medizinischen Wissen abgeglichen werde. „Die daraus entstehenden Diagnose- und Therapievorschläge werden nach einer gewissen Anlaufzeit mit absoluter Gewissheit beeindruckende Qualität haben“, meinte Reinhardt. Doch „auch dann werden wir nicht überflüssig, weil nämlich die Bedeutung für den einzelnen einer absolut individuellen Einordnung bedarf, bei der intuitive Fähigkeiten des erfahrenen Arztes unverändert eine wertvolle Bedeutung haben werden.“

„Es wird eine völlig andere Welt sein“

Thomas Lipp, Vorstandsmitglied des Hartmannbundes, ging sogar noch einen Schritt weiter. „Aus meiner Sicht kann man heute durchaus Bedenken vor einer Entärztlichung haben“, meinte er. „Denn heute haben wir andere, die die Versorgung preiswerter, aber in gleicher Qualität erbringen können.“ Für die Zukunft gebe es jedoch andere Prämissen. Denn die Digitalisierung werde das Gesundheitswesen noch wesentlich mehr verändern als der Buchdruck. „Es wird eine völlig andere Welt sein“, meinte Lipp. „Für eine einfache Diagnose braucht man dann keinen Arzt mehr. Aber wenn die Patienten mit ihren hochindividualisierten Daten kommen, brauchen sie mehr als heute einen Arzt, der sie individuell berät.“ Da werde der Arzt nie und nimmer ersetzbar.

Als dritten Megatrend nannte Reinhardt den medizinischen Fortschritt. „Unverändert steigt die Lebenserwartung auch in den Industrienationen im Sinne einer linearen Funktion, ein Abflachen der Kurve ist nicht erkennbar“, betonte er. Das werde auf lange Sicht auch eine längere Erwerbsbiografie zur Folge haben. „Unabhängig davon, ob wir unsere Versorgungsstrukturen noch erheblich ausdünnen, wird der Moment kommen, wo wir uns über die Bezahlbarkeit dieses Fortschritts für alle werden unterhalten müssen“, so der Vorsitzende des Hartmannbundes.  

Honorierung soll Anreize für gutes ärztliches Handeln setzen

Von einer künftigen Bundesregierung forderte Reinhardt ein deutliches Bekenntnis zur ärztlichen Freiberuflichkeit. Zudem forderte er eine Diskussion über ein ärztliches Honorierungssystem, dass in seinen Anreizen und Möglichkeiten „gutes“ ärztliches Handeln befördert. Er schloss sich der Forderung anderer Verbände an, die Budgetierung abzuschaffen. Allerdings, so Reinhardt: „Die politische Realisierungschance, ohne ein gleichzeitiges Angebot unsererseits, wie wir eine ungezügelte Mengendynamik in diesem Zusammenhang wirksam und verlässlich vermeiden wollen, ist gleich null.“ © fos/aerzteblatt.de

Quelle: Deutsches Ärzteblatt, 17.11.2017