19.04.2017

Drabinski zur GOÄ: „Die Bundesärztekammer sollte rote Linien gegenüber den Kostenträgern definieren“

Auch wenn die Bundesärztekammer (BÄK) die neue GOÄ auf dem kommenden Ärztetag im Mai erst unter Tagesordnungspunkt VI aufführt: Die Debatte über die Gebührenordnung wird erneut für lebhafte Diskussionen in Freiburg sorgen. Der änd sprach mit dem Chef des Instituts für Mikrodaten-Analyse (IfMDA) in Kiel, Dr. Thomas Drabinski, über das Thema. Drabinski koordiniert seit dem vergangenen Jahr die Arbeit der neu gegründeten „GOÄ-Instituts“ – das die BÄK bei der Arbeit an der nächsten Gebührenordnung unterstützen will.

Herr Dr. Drabinski, werfen wir in Sachen GOÄ einen kurzen Blick zurück: Die Bundesärztekammer hatte sich im Rahmen der Novellierung über fehlende Werte für belastbare Simulationsberechnungen beklagt. Einer der Gründe, weshalb die privatärztlichen Verrechnungsstellen und die Stiftung Privatmedizin das neue „GOÄ-Institut“ unter Ihrer Federführung gegründet haben. Hat die Bundesärztekammer dieses Angebot angenommen – und gibt es inzwischen eine echte Kooperation?

Die Diskussionslage stellt sich derzeit so dar, dass die Bundesärztekammer leider nur sehr wenig Interesse an den Inhalten hat, die wir im GOÄ-Institut erarbeiten.

Weshalb die Bundesärztekammer die Angebote nicht nutzt, können wir uns leider nicht erklären. Wir haben zumindest alle notwendigen Schritte unternommen, um die Bundesärztekammer bei der Ausarbeitung der GOÄ-Novelle zu unterstützen.

Wie genau ist die Arbeit des Instituts derzeit strukturiert. Woran arbeiten Sie?

Derzeit werden die 2016er-Daten als repräsentatives, bundesweites Datenmodell plausibilisiert. Dies geschieht, um zukünftig nicht nur Fragen zur GOÄ datenanalytisch beantworten zu können, sondern auch um neue Ansätze der Versorgungsforschung umsetzen zu können. Anfragen der Berufsverbände zur GOÄ und zur Versorgungsforschung werden im Tagesgeschäft mit dem Team des GOÄ-Instituts abgearbeitet.

Glaubt man dem BÄK-Verhandlungsführer Dr. Klaus Reinhardt, sind die Leistungslegenden – die er als Kernstück der neuen GOÄ bezeichnete – mit den Verbänden und Fachgesellschaften inzwischen abgestimmt. Offenbar kein leichtes Unterfangen: Über 5.000 Gebührenordnungspositionen wurden laut Reinhardt besprochen. Ist die Aufspaltung in so viele neue Einzelleistungen Ihrer Meinung nach zielführend?

Quantität und Qualität müssen sich nicht ausschließen. Fest steht allerdings: Je differenzierter die GOÄ-Einzelleistungsstruktur ist, desto zeitintensiver ist eine Bewertung der GOÄ-Ziffern über ein Relativpreissystem. Ob die Leistungslegenden zielführend sind, lässt sich erst dann beantworten, wenn das neue Verzeichnis veröffentlicht und mit Preisen versehen ist.

Statt auf Steigerungssätze zu setzen, will die BÄK künftig offenbar eine Vielzahl von Erschwerniszuschlägen erarbeiten. Hatten Sie Gelegenheit, in die Sache Einblick zu bekommen, um sich eine Meinung darüber zu bilden?

Ein Wegfall der Steigerungssätze ist versorgungspolitisch und gesundheitsökonomisch als schwierig zu bewerten. Denn im Moment ist unklar, ob die Zuschläge ausreichen, um die Honorierung über mehrere Jahrzehnte lang dynamisch anpassen zu können. Eine Dynamik wäre notwendig, um inflationsbedingte Kostensteigerungen in der Arztpraxis und im Krankenhaus über eine Anhebung der Honorare auszugleichen.

Nach wie vor wird in der Ärzteschaft kritisch über die Rolle der geplanten „gemeinsamen Kommission“ (GEKO) debattiert. Gefährliches Einfallstor für Kostendämpfungspläne der PKV – oder Chance, die GOÄ auch in Zukunft sinnvoll weiterzuentwickeln? Welches Argument stützen Sie eher?

Struktur, Arbeitsweise und Selbstverständnis der neuen GEKO sind der ordnungspolitisch schwierigste Teil der GOÄ-Novelle. Es wäre wünschenswert, wenn die Bundesärztekammer hier rote Linien gegenüber den Kostenträgern definieren würde.

Denn fehlen rote Linien, dann steigt die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die neue GEKO einerseits als GOÄ-Budgetierungsstelle verstanden wird. Andererseits kann wegen fehlender echter Selbstverwaltungsstrukturen in der GEKO ein Anreiz für die Gesundheitspolitik darin bestehen, mittelfristig den Bereich der Privatmedizin in eine Staatsmedizin umzuwandeln.

Erwarten Sie, dass die Arbeiten an der neue GOÄ noch in diesem Jahr fertiggestellt werden können? Welcher Zeitplan ist realistisch?

Derzeit gehen die Arbeiten leider viel zu langsam voran. Die Endversion der GOÄ sollte ja schon vor über einem Jahr verabschiedet und freigegeben werden. Auch auf diesem Ärztetag 2017 wird es wohl keine Endversion der GOÄneu geben.

Es ist zu hoffen, dass die auf dem Ärztetag vorgelegt Arbeitsversion ausreicht, um in den Koalitionsverhandlungen im Herbst 2017 und damit auch in der Zeit nach der Bundestagswahl eine wichtige Rolle bei der Reform der Dualität im deutschen Gesundheitssystem spielen zu können.

Auf dem kommenden Deutschen Ärztetag in Freiburg wird die GOÄ auch im Zentrum der Debatten stehen. Was raten Sie den Delegierten dort?

Mein Rat ist: Es sollte ergebnisoffen über den Bearbeitungsstand der GOÄ-Novelle beraten werden. Sollte doch wider Erwarten keine für die Zeit nach der Bundestagswahl belastbare Version vorgelegt werden können, so könnten GOÄ-Notfall-Beschlüsse ratsam sein, um zumindest den Weg für eine partielle GOÄ-Reform einzelner Ziffern, Abschnitte und Kapitel freizumachen.

AEND, 19.04.17