24.07.2020

Corona-Bilanz der Verbände: „Wir sind nahezu wieder auf Normalniveau“

Fehlende Schutzausrüstung, abgesagte Termine, verunsicherte Patienten und Mitarbeiter – die Corona-Pandemie hat den Alltag in den Arztpraxen kräftig durcheinandergebracht. Der änd hat bei Berufsverbänden nachgefragt, wie es den verschiedenen Fachgruppen in den letzten Monaten ergangen ist. Heute berichtet Dr. Axel Schroeder, Präsident des Berufsverbands der Deutschen Urologen (BvDU), warum ihm vor allem der Honorarrückgang im privatärztlichen Bereich Sorge bereitet.

Ganz allgemein: Wie sind die urologischen Praxen bislang durch die Coronakrise gekommen?

Die urologischen Praxen sind im Großen und Ganzen recht gut durch die Coronakrise gekommen. Wir haben uns bemüht, auch in Krisenzeiten, für eine angemessene urologische Versorgung Sorge zu tragen, insbesondere bei Notfällen und dringlichen Behandlungen. Ebenso haben wir notwendige Haus- und Heimbesuche durchgeführt, um die Kliniken zu entlasten. Die Konsultationen wurden außerdem, wenn möglich, per Telefon oder Video durchgeführt. Damit haben wir insgesamt einen ambulanten Schutzwall gebildet, der rückblickend gut funktioniert hat.
Natürlich mussten wir aber – wie auch alle anderen Fachgruppen –Einnahmeverluste hinnehmen. Das 1. Quartal war ja nur mit zwei Wochen betroffen, aber im 2. Quartal war ein deutlicher Patientenrückgang zu verzeichnen. Im GKV-Bereich werden wir wohl minus 20 Prozent
verbuchen, bei den privatärztlichen Honoraren waren es rund 30 Prozent weniger. Ab Mitte Mai ging es dann langsam wieder in Richtung Regelversorgung mit „normalem“ Praxisbetrieb.

Was waren die größten Herausforderungen?

Insgesamt waren wir für alle unsere Patienten im Lockdown immer ansprech- und erreichbar. Am schwierigsten in dieser Zeit war die Versorgung von älteren Patienten, chronisch Kranken sowie Patienten mit Krebserkrankungen. Trotz geringer Patientenzahlen mussten wir in den Praxen Präsenz zeigen, für unsere Patienten da sein und medizinisch notwendige Behandlungen fortsetzen.

Nehmen wir mal chronisch kranke Menschen, beispielsweise Patienten mit Harntransportstörungen oder Blasenentleerungsstörungen: Für sie ist regelmäßiger ärztlicher Kontakt besonders wichtig. Anfangs haben die Patienten zwar abgesagte Termine klaglos hingenommen. Nach ein paar Wochen aber nicht mehr. Gerade bei onkologischen Patienten war auch aus medizinischer Sicht ein Therapie-Aufschub nicht länger zu rechtfertigen. Zu groß waren die Risiken, dass die Krebserkrankung in der Zwischenzeit fortschreitet.

Können Sie – in etwa – einschätzen, wie stark die Patientenzahlen in den Praxen Ihrer Fachgruppe gesunken sind? Gibt es dabei regionale Unterschiede?

Der April war insgesamt der schwächste Monat. Die Zahlen haben sich halbiert, teilweise waren sogar bis zu 70 Prozent weniger Patienten in den Praxen. Allerdings gibt es regionale Unterschiede, so dass nicht alle Praxen vom Lockdown betroffen waren.

Wie sieht es aktuell aus? Scheuen Patienten den Weg in die Praxen oder ist das Patientenaufkommen ähnlich wie vor Corona?

Schaut man sich den Juni an, so sind wir nahezu wieder auf Normalniveau. Das heißt, im 3. Quartal – sofern die Coronafälle nicht wieder steigen – läuft der Praxisbetrieb wie vor Corona. Die Krankenhäuser hingegen werden wahrscheinlich erst im 4. Quartal dort wieder anknüpfen, wo sie vorher waren.

Weniger Patienten, höhere Kosten für Schutzausrüstung etc. – das hat natürlich auch finanzielle Auswirkungen. Wie steht es in den Praxen Ihrer Fachgruppe? Wissen Sie von finanziellen Sorgen bei den Kollegen?

Die Kassenärztlichen Vereinigungen hatten nach einigen Anlaufschwierigkeiten mehr oder weniger Schutzausrüstungen geliefert. Auch vorangegangene Auslagen für Hygiene müssen über die KV und von den Krankenkassen übernommen werden. Insofern können urologische Praxen, was das Thema angeht, unbesorgt sein.

Mit einem Schutzschirm will die Politik die Niedergelassenen vor zu großen finanziellen Einbußen bewahren. Reicht der Schutzschirm Ihrer Meinung nach aus? Welche Erwartungen oder Forderungen richtet Ihr Verband an die Politik?

Der Berufsverband war in die Verhandlungen für den Schutzschirm involviert. Insgesamt konnten die größten finanziellen Einbußen abgefedert werden – jedoch bleibt der 10-prozentige Verlust in der Morbiditätsbedingten Gesamtvergütung (MGV).

Schwieriger zu kalkulieren lassen sich die extra-budgetären Leistungen. Erst nach der Abrechnung des 2. Quartals Ende Oktober wissen wir, ob der Schutzschirm wirklich ausreicht. Das gilt aber nur für die finanziellen Verluste im GKV-Bereich.

Auch wenn die Urologie mit rund 30 Prozent Honorarrückgang im privatärztlichen Bereich im Vergleich zu anderen Fachgruppen besser dasteht, so hat dies natürlich trotzdem erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen für die betroffenen Urologinnen und Urologen. Denn urologische Praxen in Deutschland erzielen in den meisten Fällen mindestens zwei Drittel aller Einnahmen durch GKV-Patienten, ein Drittel durch PKV-Versicherte. Teilweise liegt das Verhältnis sogar bei 50:50. Somit bilden die in der Behandlung von Privatpatienten, Beihilfeberechtigten und Selbstzahlern erzielten Honorare einen wesentlichen, die Funktionsfähigkeit der Praxen stützenden Bereich.

Mit aller Intensität werden wir daher in unseren Gesprächen mit den Privaten Krankenkassen darauf dringen, dass auch sie sich an der Aufrechterhaltung der urologischen Versorgung und den erhöhten Aufwand beteiligen müssen. Von dem ambulanten Schutzschirm hat auch die PKV mit ihren Mitgliedern profitiert. Wir erwarten hier eine angemessene Beteiligung, wenn nicht das Vertrauen von Patienten und Ärzten in das duale Versicherungssystem erschüttert werden soll.

Und zu guter Letzt: Wie sind Sie persönlich mit ihrer Praxis bislang durch die Krise gekommen?

Mein Praxiskollege und ich haben – so gut es möglich war – die Regelversorgung aufrechterhalten. Dazu haben wir mit zwei Teams im Schichtdienst gearbeitet, was sich in dieser Zeit bewährt hat. Auch wir haben hauptsächlich Notfälle, dringende Behandlungen und notwendige Haus- und Heimbesuche durchgeführt sowie Chroniker und Krebspatienten versorgt. Ab Mitte Mai wurde dann unser Wartezimmer wieder voller. Patienten, die ihre Beschwerden bislang ausgesessen haben, kamen in die Sprechstunde. Im Laufe des Junis haben wir zu 80 Prozent die Regelversorgung wieder aufgenommen.

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