04.12.2017

„Das Budget muss weg!“

Auch der Bayerische Internisten-Kongress ruft die Politik zum Handeln auf: Es gibt bessere Möglichkeiten der Steuerung in der vertragsärztlichen Versorgung als die Budgetierung. Sorgen bereitet der Landes- und der Bundes-Spitze des BDI die zunehmende Substitution ärztlicher Leistungen.

Von Klaus Schmidt

„Wir sollten den Blick nicht wie das Kaninchen auf die Schlange stets auf das Budget richten, denn es gibt in unserem System bessere Möglichkeiten der Steuerung“, stellte BDI-Präsident Dr. Hans-Friedrich Spies beim Bayerischen Internisten-Kongress Ende Oktober in München fest. Deshalb nannte er den Ansatz des Hausärzte-Verbands, Verträge außerhalb des Budgets abzuschließen, einen guten Weg. Hausärzte wie Internisten seien daran interessiert, Leistungen außerhalb der Budgetierung anzubieten und dafür andere Wege der Vergütung zu finden.

Der mündige Patient, erklärte der bayerische BDI-Landesvorsitzende Dr. Wolf von Römer, suche mehr und mehr den direkten Weg zum Facharzt. Eine Neuordnung der Grundversorgung unter Einbeziehung der Fachärzte könne nur funktionieren, wenn die Budgetierung abgeschafft und Einzelleistungen vergütet werden.

Falsche Steuerung

Aus Sicht von Spies stoßen wir mit unserem System an Grenzen. Die Hauptaufgabe der Kassenärztlichen Vereinigungen sei die Verteilung des Geldes. Die Gretchenfrage laute: Ist die Budgetierung noch angemessen oder bereits überholt? Eine rein ökonomische Steuerung bezeichnete er als die dümmste Art der Steuerung. „Deshalb muss das Budget weg.“

In der hausärztlichen Versorgung sieht Spies die Gefahr der Substitution heranwachsen. Der BDI bejahe die Delegation, lehne die Substitution aber ab. Mit dem Psychotherapeutengesetz ist ein neuer akademischer Heilberuf installiert worden – der Psychotherapeut. Aus den bisherigen Zugangswegen in die psychotherapeutischen Berufe soll ein Approbationsstudium werden. Im hausärztlichen Versorgungsbereich drohe eine ähnliche Entwicklung mit dem Physician Assistant, einem Arztgehilfen. Man müsse deshalb über die Substitution nachdenken.

Substitution durch die Hintertür

Es bestehe die Gefahr, dass der deutsche Hausarzt in die Rolle eines „general practitioners“ falle und nicht mehr die Rolle spiele wie derzeit. Spies hält es für notwendig, die Stellung der Internisten in der hausärztlichen Versorgung zu stärken. Allerdings sollten die Ärzte nicht am Grundsatz der freien Arztwahl rütteln. Diesen Part sollten sie der Politik überlassen. Diese müsse die Entscheidung treffen und das dann auch der Bevölkerung sagen. Eine Substitution ärztlicher Leistungen sei auf jeden Fall zu verhindern.

Bayerns Landesvorsitzender von Römer wies darauf hin, dass man versucht habe, den KO-Katalog aufzubrechen, um jungen Kollegen die Möglichkeit zu bieten, das, was sie gelernt haben, auch anzuwenden.

Der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands (DHV), Ulrich Weigeldt, warnte davor, sich in der Diskussion zu vergaloppieren. „Was sind grundversorgende Fachärzte?“, fragte er. Es sei ein großer Denkfehler, davon auszugehen, dass man auf der einen Seite eine Grundversorgung habe. „Dann haben wir nur eine Grenzverschiebung zwischen haus- und fachärztlicher Versorgung.“ Und dann werde sich auch die Honorartrennung verschieben. Er appellierte an den BDI, „gemeinsam dafür zu sorgen, dass wir eine ausreichende Zahl von Allgemeinärzten und Fachärzten haben“. Den Kassenärztlichen Vereinigungen warf er vor, dass sie das ärztliche Berufsbild nicht ausreichend verteidigen und den Physician Assistant akzeptieren – „das ist ja nur ein Arztgehilfe“. Sein Verband gehe einen anderen Weg und entwickle das Modell VERAH, der Medizinischen Fachangestellten in der hausärztlichen Versorgung, weiter. „Damit vermeiden wir die Substitution und verbreitern die Delegationsebene.“

Zwiespalt beigelegt

BDI-Ehrenpräsident Dr. Wolfgang Wesiack wertete es als „unglaublichen Fortschritt“, dass auf der Veranstaltung in München BDI und Hausärzteverband gemeinsam aufträten. Er sei froh, dass es gelungen sei, den Zwiespalt von 2002/2003 zu beenden. Nun denke man gemeinsam über die Neuordnung der Grundversorgung nach. Wesiack: „Nach 20 Jahren Budgetierung ist es an der Zeit nachzudenken, ob wir keine besseren Möglichkeiten der Steuerung finden.“ Es sollte intelligentere Wege geben, etwa indem das Budget aufgelockert wird durch extrabudgetäre Leistungen und deren Honorierung. „Ein Budget wie das jetzige hat sich überlebt“, sagte er.

Quelle: BDI aktuell, 12/2017